Vortrag: Arzneimittel im Alter

Autorin: Apothekerin Christiane Prüfer

Einleitung

In diesem Vortrag möchte ich auf die Besonderheiten bei der Arzneimitteleinnahme im Alter eingehen, einige körperliche Veränderungen erklären und Ihnen Tipps für die richtige Einnahme geben.

Im Alter nimmt die Häufigkeit von Erkrankungen zu. Viele ältere Menschen leiden außerdem gleichzeitig an mehreren Erkrankungen. Sie müssen daher auch mehrere Medikamente einnehmen. Wenn Feinmotorik, Sehstärke und Gedächtnis abnehmen, kann es zu Problemen bei der Medikamenteneinnahme kommen.

Das ist nicht immer komplikationslos, weil

  • Neben- und Wechselwirkungen zunehmen,
  • verschiedene Arzneistoffe sich gegenseitig beeinflussen können,
  • viele Medikamente im Alter auch anders wirken.

Altersabhängige Veränderungen an den Organen führen oft zu massiven Änderungen in der Arzneimittelwirkung, verglichen mit jüngeren Menschen.

Was ändert sich?

  • die Knochen werden brüchiger,
  • an den Gelenken kommt es zu Abnutzungserscheinungen,
  • die Muskelkraft wird spürbar schwächer,
  • an den Blutgefäßen kommt es zu Ablagerungen (Arteriosklerose),
  • die Gehirnleistungsfähigkeit nimmt ab.

Die Aufnahme der Arzneistoffe, ihre Verteilung, ihr Abbau im Körper und ihre Ausscheidung aus dem Körper finden beim älteren Menschen oft in anderem Ausmaß und in anderer Geschwindigkeit statt als in einem jugendlichen Organismus. Alle diese Veränderungen können direkt oder indirekt die Arzneimittelwirkung beeinflussen.

Richtig einnehmen bedeutet optimal wirken.

Arzneistoffe werden in der Regel nur in gelöster Form aus dem Magen-Darm-Trakt aufgenommen. Ältere Menschen trinken bekanntermaßen weniger. Manche haben es sich zur Angewohnheit gemacht, sogar ihre Tabletten trocken hinunterzuwürgen. Das ist schlecht, weil einige Arzneistoffe die Magenschleimhaut schädigen können, z. B. Schmerzmittel wie Diclofenac oder ASS. Diese werden viel besser vertragen, wenn man sie mit viel Wasser einnimmt. Ohne Wasser eingenommen, können die Tabletten auch in der Speiseröhre hängenbleiben und dort Geschwüre verursachen.

Beispiel: Osteoporosemittel Biphosphonate, Antibiotika (Penicillin, Ciprofloxacin)

Außerdem können sich die Tabletten, Kapseln oder Dragees im Magen nicht so schnell auflösen und wirken erst viel später, als wenn man sie mit einem Glas Wasser eingenommen hätte.

Beispiel: für langsameren Wirkungseintritt: Die Schlaftablette wird auf der Bettkante oder schon im Liegen ohne Wasser eingenommen, man wundert sich, warum man trotz Tablette nicht schlafen kann und dafür am nächsten Morgen nicht richtig munter wird: Die Tablette saß in der Speiseröhre fest und kam erst viel später in den Magen, um von dort über Lösung, Aufnahme und Verteilung an den Wirkort zu gelangen.

Daher: Einnahme mit einem großen Glas Wasser in aufrechter Körperhaltung (außer bei Ödemen) bettlägerige Patienten, Patienten mit Schluckstörungen nehmen besser flüssige Darreichungsformen oder im Mund zerfallende, schnell lösliche Arzneiformen ein. Eventuell können Tabletten zerkleinert werden. Vorher sollte immer Apotheker gefragt werden, ob Zerkleinerung möglich ist.

Milch, Grapefruitsaft, alkoholische Getränke eignen sich nicht zur Medikamenteneinnahme, da diese Getränke mit den Arzneistoffen wechselwirken können.

Der Weg des Arzneimittels und auch der Nahrungsstoffe durch den Magen-Darm-Trakt dauert bei älteren Menschen länger. Auch die Durchblutung ist im Verdauungstrakt herabgesetzt, sodass die Aufnahme von Nahrungsstoffen aber auch Arzneistoffen schlechter und unvollständiger funktioniert. So kann es auch zu einer Unterversorgung mit Vitaminen, Spurenelementen oder Mineralstoffen kommen, obwohl vielleicht genügend zugeführt wird.

Bei einigen Arzneistoffen ist es von Bedeutung, ob Sie sie vor, während oder nach einer Mahlzeit einnehmen. Das kann Wirkung und Stärke entscheidend beeinflussen.

Nüchtern bedeutet mindestens 60 Minuten vor den Mahlzeiten.

Nüchtern eingenommen werden

  • nicht im Magen zerfallenden Arzneiformen (magensaftresistente Tabletten) – Ausnahme Pankreasenzyme
  • Penicillin
  • Schlafmittel (wirken schneller)
  • Levodopa

Retardarzneiformen: in der Regel nach Mahlzeiten

Daher: Fragen Sie in Ihrer Apotheke, ob Sie das Arzneimittel vor, während oder nach einer Mahlzeit einnehmen sollen

Verteilung

Das Verhältnis zwischen Fett- und Muskelgewebe verändert sich. Die Muskelmasse verringert sich, das Fettgewebe ist im Verhältnis dazu relativ vermehrt. Dadurch sind wasserlösliche Arzneistoffe vermehrt im Blut, fettlösliche dagegen verringert durch ihre Speicherung im Fettgewebe, fettlösliche AS werden geringer über das Blut an die Wirkorte verteilt. Wasserlösliche Arzneistoffe sind dann stärker, fettlösliche schwächer wirksam.

Zu geringe Flüssigkeitszufuhr verringert Volumen des gesamten Körperwassers, das im Alter an sich schon verringert ist. Beim Säugling beträgt der gesamte Wassergehalt des Körpers ca. 75 %, bei einer sehr alten Frau nur durchschnittlich 46 %. Weil Frauen mehr Fettgewebe besitzen als Männer, ist ihr Wassergehalt niedriger. Durch den verminderten Wassergehalt kann die Wirkung negativ beeinflusst werden.

Als Folge des abnehmenden Wassergehaltes im Körper können sich wichtige Mineralstoffe verringern und Organe sich verkleinern.

Deshalb gilt: Ausreichend über den Tag verteilt trinken, auch ohne Durstgefühl!

Abbau und Ausscheidung

Die Herzkranzgefäße verengen sich zunehmend, das vermindert die Pumpkraft des Herzens, so dass die Leistung der Organe, die auf gute Durchblutung angewiesen sind, beeinträchtigt wird. Betroffen sind vor allem die Niere und die Leber, die ihrer Abbau- und Ausscheidungsfunktion nicht mehr optimal nachkommen können. Ein Teil der Giftstoffe und der Stoffwechselschlacken bleiben im Organismus.

Durch die erheblich abnehmende Nierenfunktion verlangsamen sich Abbau und Ausscheidung der Arzneistoffe. Das führt zu einer ungewollt hohen Wirkstoffkonzentration im Körper. Besondere Vorsicht ist bei Beruhigung- und Schlafmitteln geboten. Zu hohe Konzentration im Blut kann unter anderem zu Gangunsicherheiten mit Folgen wie Stürzen und Knochenbrüchen führen.

Abbau der Arzneistoffe in der Leber

Leber ist das chemische Labor des Körpers. Mittels Enzymen werden hier Nahrungsbestandteile, aber auch AS umgebaut, entgiftet, abgebaut und umgewandelt. Diese Enzyme sind Eiweißstoffe mit bestimmten Funktionen. Sie steuern und regulieren die Ab- und Umbauvorgänge in der Leber, meistens beschleunigen sie diese. Eiweißstoffe sind aber auch einem Alterungsprozess unterworfen. Sie verlieren an Wirksamkeit und können die Vorgänge in der Leber nicht mehr so gut, so schnell oder so wirksam steuern. Viele Arzneistoffe werden in der Leber so umgebaut, dass sie keine Wirkung mehr ausüben und von den Nieren ausgeschieden werden können. Im Alter verringern sich das Lebervolumen und die funktionsfähige Leberzellmasse, die Leberdurchblutung nimmt ab. Das ist vielmals die Ursache dafür, dass Medikamente bei jungen und alten Menschen unterschiedlich stark wirken können. In aller Regel verläuft der Abbau von Arzneistoffen in der Leber eines älteren Menschen langsamer als bei einem jungen, und daher sollte der ältere eine niedrigere Dosis erhalten, um die gleiche Wirkung zu erzielen wie ein junger Mensch.

Für die Niere gilt ähnliches wie für die Leber

Beim Alterungsprozess kommt es zu einer Abnahme des Nierengewichts, zu einer Verminderung der Leistungsfähigkeit um bis zu 50% und zu einer herabgesetzten Nierendurchblutung. Da die Nieren die Ausscheidungsorgane des Körpers sind, besonders für Arzneistoffe, wird ein älterer Mensch wiederum eine geringere Dosis eines Arzneistoffs brauchen als ein junger, da ja Abbau und Ausscheidung langsamer erfolgen.

Die Dosierung muss angepasst werden, weil sonst vermehrt Nebenwirkungen auftreten können. Dosisanpassung erfolgt durch engmaschige Kontrolle von z. B. Blutdruck bei blutdrucksenkenden Mitteln, Blutzucker bei Diabetes, Harnsäure bei Gicht, Cholesterin und Triglyceriden bei erhöhten Fettwerten. Niemals eigenmächtig die Dosis ändern! Auch Nebenwirkungen wie z. B. Magenbeschwerden, schlechter Schlaf können nach 1-2 Wochen eingeschätzt werden.

Achtung Herzschwäche: durch die eingeschränkte Durchblutung der verschiedenen Gewebe kommt es zu einer Verringerung der Medikamentenausscheidung, das Medikament wirkt verstärkt bzw. verlängert

Veränderte Medikamentenwirksamkeit

Bei einigen Medikamenten kommt es auch zu einer Veränderung in der Wirksamkeit. Es kommt durchaus vor, dass Beruhigungs- bzw. Schlafmittel nicht zum Einschlafen führen, sondern wie ein Aufputschmittel wirken. Andererseits kann es sein, dass bei älteren Menschen eine Tasse Kaffee das Einschlafen erleichtert. Der Körper reagiert oft verlangsamt oder schwächer. So ist bei der Nebenwirkung Blutdruckabfall im höheren Alter der Körper nicht mehr so gut in der Lage, den Kreislauf selbstständig auszugleichen. Als Folge treten Schwindel und Kreislaufprobleme wahrscheinlicher auf. Tipp: Nicht abrupt aus dem Bett aufstehen, sondern aus dem Liegen auf die Bettkante setzen und nach einer kurzen Verschnaufpause langsam ganz aufstehen.

Nebenwirkungen

Neben- und Wechselwirkungen sind im Alter durch die Einnahme verschiedener Arzneimittel und ihrer anderen Wirkung häufiger.

Nebenwirkungen treten vermehrt auf, weil

  • ein erhöhter Medikamentenbedarf durch Vorliegen mehrer Erkrankungen besteht,
  • die Verstoffwechselung im Körper verändert ist,
  • die Arzneimittelwirksamkeit verändert ist,
  • praktische Probleme auftreten.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind

  • Durch niedrigen Blutdruck ausgelöste Kreislaufprobleme,
  • Langsamer und unregelmäßiger Herzschlag, Verwirrtheitszustände,
  • Verringerung der geistigen Leistungsfähigkeit,
  • Abnahme der Nierenfunktion,
  • Stürze,
  • Bewegungsstörungen,
  • Trockener Mund,
  • Verstopfung.

Beispiele für Nebenwirkungen

Als Nebenwirkung einiger Medikamente, wie z. B. Bluthochdruckmittel, Diuretika, Antidepressiva u. a. Psychopharmaka tritt Mundtrockenheit auf. Mundtrockenheit kann öfters zu Karies führen, weshalb verstärkt auf eine umfassende Mundhygiene geachtet werden muss.

Tipp

  • Viel trinken
  • Mund mit Wasser öfters ausspülen
  • „künstlicher Speichel“ hilft

Blutdrucksenkende Mittel verursachen leichter eine orthostatische Dysregulation.

Flüssigkeitsverluste, z. B. durch Diuretika und Laxantien führen bei älteren Menschen sehr leicht zur Dekompensation, weil alte Menschen einen relativ geringen Wasserbestand haben und ihr Durstgefühl vermindert ist. Sie gleichen Flüssigkeitsverluste nicht durch entsprechendes Trinken aus.

NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) wie ASS (Acetylsalicylsäure) erhöhen Risiko eines akuten Nierenversagens bei eingeschränkter Nierenfunktion. Eine verlangsamte Magenentleerung bringt es mit sich, dass NSAR länger im Magen verweilen und so das Risiko einer Magenschleimhautentzündung ansteigt.

Abführmittel können zu Kalium-Verlust führen. Dadurch wird die Wirkung von Herzglykosiden verstärkt.

Diuretika und Glukokortikoide verstärken Kaliumverlust. Kaliumverlust verstärkt Obstipation durch Verminderung der Darmmotilität (der Darm wird träger), Gefahr von Herzrhythmusstörungen wächst.

Bei Engwinkelglaukom Einnahme von Antihistaminika („Allergietabletten“), Sympathomimetika vermeiden.

Alkohol erhöht das lebertoxische Potential von Paracetamol.

Aspirin complex: nicht einnehmen bei schwerem Bluthochdruck und schwerer KHK.

ACE-Hemmer: Bei auftreten von Husten, der länger als gewöhnlich anhält, Arztrücksprache nehmen

Betablocker: Am Anfang können Sie zu einer verringerten Belastbarkeit führen.

Zu beachten ist, dass alle diese Beschwerden auch im Rahmen von Krankheiten auftreten können. Jedes Medikament kann auch Nebenwirkungen mit sich bringen. Bei Einnahme mehrerer Medikamente können sich die Nebenwirkungen addieren und es kann zu Wechselwirkungen kommen.

Deshalb ist es wichtig, Arzt und Apotheker über alle Medikamente, die eingenommen werden zu informieren. Aber lassen Sie sich bitte auch nicht verunsichern. Die in der Packungsbeilage aufgeführten Nebenwirkungen erschrecken viele Patienten. Die meisten der in der Gebrauchsinformation beschriebenen Nebenwirkungen treten nur bei sehr wenigen Patienten auf. Viele Nebenwirkungen klingen im Laufe der Behandlung ab. Bei allen zugelassenen Arzneimitteln überwiegt der Nutzen die möglichen Risiken.

Anwenderprobleme

Viele einzunehmende Arzneimittel bergen das Risiko von Anwenderproblemen. Einnahmeschemata können zu kompliziert sein: z. B. Einnahme eines Arzneimittels zu mehreren Zeitpunkten des Tages in unterschiedlicher Dosierung. Schwerhörigkeit kann ein Grund für unzureichende Informiertheit über die Erkrankung und ihre Therapie durch nicht vollständige Erfassung der Therapievorschriften sein.

Sehstörungen, Abnahme der Feinmotorik (Arzneimittel können nicht aus dem Blister herausgedrückt werden, Teilung kleiner Tabletten ist schwierig, kindersichere Verschlüsse sind auch erwachsensicher) und Vergesslichkeit führen zu Nicht- oder Falscheinnahme (Verwechslung von Arzneimitteln).

Tipp: Medikamentendosierer, Medikamentenuhr als Hilfe benutzen. Viele ältere Patienten leiden unter Schluckbeschwerden

Tipp: ausreichend trinken, besonders nach Medikamenteneinnahme Arzneimittel in aufrechter Körperhaltung einnehmen

Einnahmehinweise beachten

Hinweise zur Einnahme (z. B. vor oder nach einer Mahlzeit, Tageszeit) entnehmen Sie bitte der Packungsbeilage oder fragen Ihren Arzt oder Apotheker.

Beispiel: Asthmatabletten am besten vor dem Schlafengehen, da Asthmaanfälle meistens in der Nacht auftreten. Blutdrucksenkende Mittel am Morgen, da Blutdruck am Tag normalerweise höher ist als in der Nacht. Magensäurehemmende Mittel abends, weil in der Nacht der schützende Einfluss der Nahrung im Magen wegfällt und die Magensäureprodukion abends deutlich höher ist als morgens

Aber: individuelle Anweisungen des Arztes beachten

Bei Unklarheiten bitte Arzt oder Apotheker fragen. Fordern Sie Erklärungen zur richtigen Anwendung, zum optimalen Einnahmezeitpunkt, von möglichen NW… öfters ein.

Compliance

Zum Abschluss gestatten Sie mir einige Anmerkungen zur Compliance (Therapietreue)

Leider nehmen viele Patienten ihre Arzneimittel nicht wie verordnet ein. Die Medikamente werden oft nicht regelmäßig eingenommen oder vorzeitig abgesetzt. Ein Grund dafür ist, dass der Nutzen von z. B. Herz-Kreislauf-Mitteln, Cholesterin- oder Blutzuckersenkern häufig nicht unmittelbar spürbar ist. Die Folgen mangelnder Compliance, z. B. dass Blutdruck und Cholesterinspiegel nicht ausreichend gesenkt werden, führen zur Entstehung von Folgeerkrankungen wie Arteriosklerose.

Die regelmäßige Einnahme der Medikamente schützt vor gefährlichen Folgeerkrankungen, die Lebenserwartung wird in vielen Fällen erhöht. Daher ist es wichtig, die Einnahmeempfehlungen des Arztes zu befolgen und Ihr Arzneimittel wie verordnet einzunehmen. Wenn die Medikamente nicht mehr so gut wirken oder bei Ihnen Nebenwirkungen auftreten, sollten Sie erst mit Ihrem Arzt sprechen, bevor Sie die Dosis Ihrer Medikamente verändern.

Einige Arzneimittel sollten nicht gemeinsam mit anderen eingenommen werden. Das gilt auch für rezeptfrei in der Apotheke oder in der Drogerie/im Supermarkt erworbene Arzneimittel. Auf der sicheren Seite sind Sie, wenn Ihr Arzt alle von Ihnen verwendeten Arzneimittel kennt und Sie Ihre rezeptfreien Arzneimittel in der Apotheke kaufen. Der Apotheker kann für Sie über mögliche Wechselwirkungen informieren.

Quellen

Für die Richtigkeit der Aussagen wird keine Haftung übernommen.

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